Dattelner Verbalknotenpunkt

Lyrischer Dichterwettstreit um den Goldenen Bücherwurm

 

Originelle Wortschöpfungen zählen zum Kerngeschäft der Wortakrobaten. Natürlich braucht jeder Poetry-Slam seinen eigenen Namen. Andere Veranstalter haben ihre Abende schlicht Rededuell, Poesieschlacht, Sprachgenüsse oder „Kampf der Künste“ getauft. Die Dattelner Christofer Rott und Wolfgang Tänzer haben ihrem Wettstreit um den Goldenen Bücherwurm den Namen „Verbalknotenpunkt“ gegeben. „Das passt, wir sind der größte Kanalknotenpunkt der Welt,“ lacht Bücherwurm Wolfgang Tänzer. Er ist Namensgeber für den Preis.

Der Gastgeber Wolfgang Tänzer

Der Moderator Christofer Rott

 

Martina Bialas schreibt regelmäßig über die Abende im Bücherwurm: ihren Bericht über die Veranstaltung am

15. März 2019 können Sie hier lesen ...


Jeweils gut 100 Besucher haben Lust, sich auf die Texte von sieben Autoren und einem Moderator einzulassen, und das, obwohl deren Namen außerhalb der Szene kaum bekannt sein dürften. Aber die Poetry-Slam Szene funktioniert nach anderen Gesetzen als der „große“ Literatur-Betrieb. Dreimal im Jahr liefern sich die Slammer in Datteln - umgeben von Literatur, gebunden in tausenden Werken – verbale Schlachten mit hitzigen Wortgefechten, alles um die Gunst des Publikums zu gewinnen – entweder versuchen sie es mit dem Verlesen von kuriosen lustigen und launigen Geschichten oder aber sie tragen ihre nachdenklichen und besinnlichen Verse vor. Am Ende entscheiden die Gäste des Abends mit ihrem Applaus, welche Darbietung ihnen am besten gefallen hat. Neben den Inhalten geht es bei der Bewertung auch um die Vortragstechnik und die individuelle Improvisationskunst.

 

 

Spaß und Applaus treiben die Künstler zu Höchstleistungen.

 

Unterdessen hat er sich etabliert, der Dattelner Poetry-Slam „Verbalknotenpunkt“ im Bücherwurm von Wolfgang Tänzer. Seit Sommer 2016 strahlt der Kampf um den Goldenen Bücherwurm weit über Datteln hinaus. Denn diese heißbegehrte Trophäe lockt nicht nur Künstler aus Nah und Fern in die preisgekrönte Dattelner Buchhandlung, auch viele der Besucher nehmen weite Wege auf sich, um dabei zu sein, wenn der launige Moderator Christofer Rott und Gastgeber Wolfgang Tänzer die Wortakrobaten auf die Bühne aus Euro-Paletten bitten. Dabei geht es den Künstlern nicht um einen satten materiellen Gewinn, vielmehr steht der Spaß an Worten und an Literatur im Vordergrund

Zu den wenigen Regeln des Abends gehört, dass jedem der teilnehmenden Slammer für seine Darbietung eine Zeitbeschränkung von sechs Minuten gewährt wird und dass die vorgetragenen Texte natürlich selbst geschrieben sein müssen. Außerdem gilt: keine Kostüme, keine Requisiten, keine Instrumente. So werden dem Publikum Texte lebhaft präsentiert, auswendig vorgetragen oder vom Blatt abgelesen. Wichtig ist ein individueller Charakter. Es geht darum, kreativ zu sein und den eigenen Texten Leben einzuhauchen. In der Vorrunde entscheidet eine zufällig ausgewählte Publikumsjury, die jeden Vortrag mit maximal zehn Punkten belohnt, über den Einzug ins Finale. Keine einfache Aufgabe, denn beim Poetry Slam gilt, dass ein Poet aus Respekt vor seinem Text nicht ausgebuht wird, aber die Jury für die Punktevergabe hörbar kritisiert werden darf. Im Finale dann entscheidet das Klatschen der Zuhörer über den Sieg.

Die Kontrahenten des 8. Verbalknotenpunktes - zusammen mit den Organisatoren des Wettbewerbs

 

Erlaubt ist alles, was gefällt

Der Poetry Slam fordert die Gäste auf seine eigene Weise. Wer liest? Was wird geboten? Alles ist möglich. Und genau das macht den Reiz eines solchen Abends aus. Während bei herkömmlichen Lesungen gedimmtes Licht und eher leise Töne zählen, kann man beim Poetry Slam alles erleben: Vom Liebesgedicht über Freestyle Rap bis zu urlustiger Prosa – alles hat seine Berechtigung. Das Spektrum der Texte reicht von witzig über hintergründig bis zu sehr ernst.

Auch in Datteln stellen sich ganz unterschiedliche Menschen dem Urteil des Publikums. Jedesmal bringen die Kontrahenten des Abends eine wunderbare Mischung aus prächtiger Lyrik und extrem witzigen Texten auf die kleine Palettenbühne. Dies hat zur Folge, dass zwei unterschiedliche Strömungen die Abende prägen: sowohl Witz und Komik als auch Ernsthaftigkeit und Betroffenheit - mal gewinnen die Komiker, mal die ernsthaften Töne – wortgewandte Dichter und Denker sind sie allesamt. Ihre Texte, Worte voller Emotionen in allen Stimmlagen, unterstützt von großer Gestik, mit und ohne Manuskript, gereimt oder in Prosa vergnügen das Publikum oder stimmen es nachdenklich. Ein großes Ideenrepertoire findet sich in den sechsminütigen Texten wieder: Frauen- und Männertexte, Erlebnisse aus der Kindheit, Ruhrpottgedichte, der Wahnsinnausbruch eines Computerfachmannes, die griechische Mythologie, Findungsprozesse… Poesie aus dem Alltag, mal gerappt, mal gereimt, mal ganz einfach gesprochen - und häufig politisch, eben Alltag. Es gibt bissige Pointen, Pathos, Melancholie, Sarkasmus, Empörung und jede Menge Humor für die Ohren. Eine Poetin erlaubt tiefe Blicke in ihre Gefühlswelt und liefert eine Bestandsaufnahme ihrer Befindlichkeiten. Ein Slammer brüllt im typischen Stakkato. Das Publikum jubelt. Die nächste hat eine Botschaft zu verkünden, in ihrem Vortrag geht es um ernste Sorgen, um die Nöte und Banalitäten des Alltags. Und wieder jubelt das Publikum. Poetry Slam ist eben nicht nur Poesie, sondern auch Politik. Andere glänzen mit Situationskomik und Selbstironie oder grübeln über Erwachsenwerden und Erwachsensein.

 

Über die Anfänge des Poetry-Slams

„Geboren“ wurde diese Disziplin 1986 in Chicago. Der «Godfather of Poetry Slam» Marc Smith organisierte damals im Jazz Club «The Green Mill» in Chicago den «Uptown Poetry Slam», der als der weltweit erste gilt. Der heruntergekommene Stadtteil Bucktown wurde zum Anlaufpunkt für Künstler, Dichter und Schriftsteller. Unter ihnen Bauarbeiter und Jazz-Poet Smith. «Wir waren gelangweilt von den steifen, eintönigen Lesungen, bei denen sich die Autoren hinter ihrem Tisch verstecken.» Bei der neuen, kreativeren Form eines Poeten-Wettkampfes sollten die Werke in einer Performance dargeboten werden. Wichtig war auch die Interaktion mit den Zuschauern, die als Jury fungierten. «Nicht der Dichter, sondern das Publikum sollte im Mittelpunkt stehen.»

 

Die Idee der unkommerziellen Dichterschlacht verbreitete sich rasch. Auch in New York und San Francisco gab es erste Slams. Dann schwappte die Welle nach Nordeuropa, etwa nach Finnland, Schweden und Großbritannien. In Deutschland ging es Mitte der 1990er Jahre in Hamburg, Berlin, Düsseldorf und München los. Heute gibt es rund 200 regelmäßige Veranstaltungen, quer durch die Republik. Die Poesie ist damit längst ein Massenphänomen, inzwischen lockt der Dichterwettstreit die Zuhörer an. 2016 hat sich auch Datteln eingereiht in diese Bewegung. Seitdem laden die Gastgeber im März, im Juli und im November ein zum packenden Duell zwischen den scharfkantigen Poeten der Slam-Szene.

 Wolgang Tänzer überreicht den 1. Preis an den Sieger des Abends.

 

Die Geschichte wird langsam richtig kultig.“

Es ist unstrittig: Die Darbietungen der auftretenden Künstlerinnen und Künstler bereiten durchweg Hörvergnügen, doch die Texte mit viel Hinter- und Tiefsinn, die Verse voller Poesie mit leisen Tönen haben es in Datteln schwerer als die lustigen Erzählungen, meist möchten die Zuhörer lieber herzhaft und lautstark lachen als betroffen weinen. Die Preisträger nehmen ihren kleinen symbolischen Preis, den Goldenen Bücherwurm, jeweils sichtlich gerührt aus den Händen von Wolfgang Tänzer entgegen.

Fotogalerie: Die Organisatoren des "Dattelner Verbalknotenpunktes" Wolfgang Tänzer und Christofer Rott mit dem heiß umkämpften 1. Preis: dem "Goldenen Bücherwurm" (DMP 07.11.2016); die erste Preisträgerin im Juni 2016 Fatima Talalini (DMP 06.06.2016); weitere Sieger des Wettbewerbs: Björn Rosenbaum (DMP 12.03.2017), Theresa Sperling (DMP 10.07.2017), Sven-Eric Jansen (DMP 13.11.2017) und Beatrice Wypchol (DMP 09.07.2018). - Alle Fotos: Martina Bialas, Dattelner Morgenpost

 

INFO Der nächste Poetry-Slam „Verbalknotenpunkt“ am Freitag, 5, Juli, Einlass 19 Uhr, Beginn 19:30 Uhr, in der Buchhandlung Bücherwurm, Castroper Straße 33. Karten gibt es für 8 Euro ab sofort im Bücherwurm.