Dattelner Poetry Slam feiert 10. Geburtstag im Bücherwurm

Der Publikums-Run ist ungebrochen

 

von Martina Bialas , Dattelner Morgenpost , 30.06.2026

 

Ob Poetry Slam in Datteln funktioniert?“, fragte sich Buchhändler Wolfgang Tänzer vor zehn Jahren. Heute ist er Gastgeber und ein großer Fan der Veranstaltung.

 

2016: Ganz Deutschland fiebert bei den angesagten Poetry Slams mit. Ganz Deutschland? Nein, Datteln hat den literarischen Wettbewerb noch nicht auf dem Schirm. Dabei ist das Konzept herrlich einfach: Slammer tragen selbst geschriebene Texte innerhalb eines festgelegten Zeitraums vor, das Publikum entscheidet abschließend, wer die Nase vorn hat.

Erfunden wurde die Veranstaltungsform 1986 in den USA, ehe sie in den 1990er-Jahren die Welt erobert. Seit 2016 zählen die deutschsprachigen Poetry Slams zum bundesweiten Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der UNESCO.

„Datteln muss sich unbedingt daran beteiligen“, findet Poetry-Slam-Fan Martina Bialas. Die Autorin dieser Zeilen kennt den Ahsener Slammer Christofer mit F, der seit 2009 regelmäßig in den verbalen Ring steigt und sich deutschlandweit duelliert.

„Hast du Bock auf einen eigenen Slam?“, fragt sie Christofer. Der hat Bock und lässt sich kurzerhand zum Bücherwurm schleppen.

 

Aus Trio wird Sextett

Beide überzeugen Wolfgang Tänzer, der trotz anfänglicher Zweifel den Raum und die erforderliche Paletten-Bühne zur Verfügung stellt. Schnell wird klar: Zwei Fans und ein Buchhändler allein machen noch keinen Poetry Slam.

„Wir brauchen ein größeres Team“, lautet die Erkenntnis. Nach kurzer Umfrage stoßen Dattelns Pressesprecher Dirk Lehmanski, die damalige VHS-Leiterin Rosi Schloßer sowie Musiker Jan Wolf dazu. Aus dem Trio wird ein sechsköpfiges ehrenamtliches Organisationsteam.

Die Aufgaben sind schnell verteilt: Christofer übernimmt die Moderation und holt die Slammer nach Datteln. Rosi kämpft sich durch die Bürokratie. Jan sorgt für Technik und musikalische Zwischentöne. Dirk und Martina kümmern sich um Pressearbeit sowie den Verkauf vom Würstchen, Getränken und Eintrittskarten.

Bestens aufgestellt fiebert das Sextett dem ersten Dattelner Poetry Slam entgegen. Auch ein Name muss her. Den entscheidenden Vorschlag liefert Dirk Lehmanski: „Verbalknotenpunkt“. Der Titel bleibt hängen und wird weit über Dattelns Grenzen hinaus bekannt.

 

Irgendwie alles richtig gemacht

Am 3. Juni 2016 ist es so weit: Rund 150 Zuschauer strömen in Tänzers damals leerstehendes Ladenlokal neben dem Bücherwurm. Am heißesten Tag des Jahres feiert der „Verbalknotenpunkt“ Premiere und sorgt für einen hitzigen Schlagabtausch um den neu geschaffenen Siegespreis: den Goldenen Bücherwurm aus dem 3D-Drucker.

Heute lacht das Orga-Team über den Abend. Damals ist ihnen weniger nach Schmunzeln zumute. „Es war Stress pur“, erinnern sie sich. Die Würstchen und Getränke schneller ausverkauft als gedacht. Die Applausabstimmung über den Sieger überzeugt das Publikum nicht. Draußen zeigt das Thermometer 40 Grad im Schatten an, drinnen fühlt es sich nach 49 Grad an. Und bequem waren die Bierzeltbänke auch nicht.

Trotz aller Startschwierigkeiten kauft rund die Hälfte der Besucher eine Karte für den nachfolgenden Poetry Slam im November. Viele von ihnen sind er Veranstaltung bis heute treu geblieben. „irgendwie haben wir wohl alles richtig gemacht“, sagt Christofer mit F grinsend.

 

Der Erfolg geht weiter

Zehn Jahre später geht der Erfolg weiter. Die Bierzeltbänke sind verschwunden. Dank der Geldspende einer Dattelner Bank konnten ausreichend Stühle angeschafft werden. Und es gibt immer genügend Getränke und Würstchen.

Christofer Rott nutzt seine Verbindungen und die Slammer reisen aus ganz Deutschland an. Stolz ist das Team darauf, dass Tobi Katze alias Tobias Rauch bei ihnen als Slammer zu Gast war. Immerhin hat der Autor mit seinem Buch „Morgen ist leider auch noch ein Tag“ Platz vier in der Spiegel-Bestsellerliste erreicht. Platz vier erreicht er auch beim Verbalknotenpunkt.

 

Erfolgsgarant: Das Publikum

Obwohl Datteln keine Studentenstadt ist, lockt der Verbalknotenpunkt regelmäßig Studenten auch von weiter weg an. Manche Zuhörer reisen wegen der Slammer an, andere wegen der besonderen Atmosphäre. Und ältere Gäste kommen, weil sie wissen möchten, wie sich der eigene Nachwuchs seine Abende vertreibt.

Die Brüder Jean-Michel und René Stempel aus Recklinghausen sind seit zehn Jahren dabei und haben bislang nur einen Poetry Slam verpasst. „Hier gibt es Qualität statt Quantität, das Niveau ist hoch“, sagen sie unisono.

Christofer Rott (vorne) und sein ehrenamtliches Unterstützungs-team: Gastgeber Wolfgang Tänzer (l.), Martina Bialas (2.v.l.), Nachfolgerin von Rosi Schloßer und Kooperationspartnerin Patricia Gerards und Musiker und Techniker Jan Wolf. Auf dem Foto fehlt urlaubsbedingt Dirk Lehmanski. © Martina Bialas


Echte Gefühle kommen auf

Auch der 20. Poetry Slam zum zehnjährigen Geburtstag wird erneut ein voller Erfolg. Diesmal mit einem besonderen Konzept. Drei Teams treten im Doppelpack an und liefern Texte, die direkt in die Köpfe, Bäuche und Herzen des Publikums zielen.

„Da kommen echte Gefühle auf“, sagt Pianist Jan Wolf. Manchmal würde er am liebsten alles, was auf der Bühne passiert, laut und leise vertonen, als Soundtrack für die Wortgewitter im Saal. Stimmungslied zu Beginn bleibt jedoch vorerst die stadteigene Hymne „Komm’ mal mit zum Dattelner Kanal“. VHS-Leiterin Patricia Gerards, Nachfolgerin von Rosi Schloßer auch im Orga-Team, genießt die Atmosphäre und freut sich über das Erfolgsrezept der Kooperation: „Ein Flaggschiff für Datteln.“

 

 

Poetry Slam:

Achim Leufken gewinnt erneut den „Goldenen Bücherwurm“

 

Von Martina Bialas, Dattelner Morgenpost, 29. April 2024

 

2018 war sein Abend im Bücherwurm, jetzt gewann Achim Leufker erneut den „Goldenen Bücherwurm“ beim Poetry Slam. Über 100 Zuhörer bestimmten ihn zum Sieger.

 

Ausverkauft hieß es beim Poetry Slam am Freitagabend (26.4.) im Bücherwurm, den inszeniert Wolfgang Tänzer zweimal im Jahr in Kooperation mit der VHS Datteln. Natürlich durfte Moderator „Christopher mit F“ nicht fehlen. Fünf Slammer brachte er mit, die mit ihren Beiträgen von jeweils sechs Minuten die Zuschauer sofort in den Bann zogen.

 

Achim Leufker traf auf Andreas Weber, die beiden Slammer bewiesen jede Menge Humor und schnell entwickelte sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen, das für beide im Finale endete.

 

Das Frauentrio Franziska Gels aus Lingen, Kuri aus Mühlheim und Eveline aus Bochum griffen mit eher ernsten Themen an. Die Zuhörer lauschten konzentriert. An diesem Abend wollte das Publikum aber lieber ablachen, trotzdem gab es jede Menge Beifall für die jungen Frauen und ihre nachdenklich stimmenden Texte. Viele neue Gesichter fanden sich im Bücherwurm ein, die über die Wortakrobaten staunten und sich wohlfühlten. Leufker gab zum Schluss noch einen wichtigen Tipp mit auf den Heimweg: „Totlachen bringt echte Lebensqualität.“

 

Ausblick auf den Herbst

Am 8. November startet der nächste Poetry Slam: in der Buchhandlung Bücherwurm an der Castroper Straße 33 in Datteln um 19.30 Uhr. Es gibt neue Texte, neues Staunen und einen neuen Sieger. Karten für zehn Euro sind ab sofort im Bücherwurm erhältlich. Wer dabei sein möchte, sollte nicht warten, etliche Zuhörer nahmen sich gleich eine der begehrten Karten mit.

 

 

Erotik und mehr

Herbst-Poetry-Slam im Bücherwurm lässt nichts aus.

 

Von Martina Bialas, Dattelner Morgenpost, 20. November 2023

 

DATTELN. 110 Zuschauer sitzen im Bücherwurm und warten gespannt auf den Start des Herbst-Poetry-Slams voller Worte. Sie werden nicht enttäuscht.

 

Moderator Christofer Rott, Gastgeber Wolfgang Tänzer und ihr Orga-Team rotieren, es ist der letzte Poetry-Slam in diesem Jahr, der über die kleine Paletten-Bühne geht. Jan Wolf nimmt am Klavier Platz, zu seiner Musik ziehen die vier Slammer ein. Felicitas Friedrich ist eine Wiederholungstäterin, die bei der allerersten Ausgabe der Veranstaltung sich den zweiten Platz sicherte. Kristina Sommer ist ein Kanalstadt-Neuling, auch Marcel Ifland hat noch keine Bücherwurm-Erfahrung. Aus der Nachbarstadt Waltrop kommt Christian Hilgers, der sich fünf hauseigene Fans mitbringt. Er ist noch frisch in der Szene und wartet gespannt auf die Dinge, die da kommen.

 

Ladies First heißt es nach der Auslosung der Reihenfolge. Kristina darf die Eisbrecherin geben. Das macht die Wipperfürtherin richtig gut, sie setzt auf schonungslose Erotik. Als Autorin eines Erotikromans geht ihr das Vokabular locker über die Lippen. Das Publikum schnappt nach Luft, um dann hemmungslos bei den hemmungslosen Szenarien abzulachen. Auch Marcel hat nur die obligatorischen sechs Minuten für seine Erzählung Zeit, die widmet er seinen Erinnerungen an das kleine grüne Haus von „Omma und Oppa“. Für die berührenden und liebenswerten Rückblicke gibt es 35 Punkte. Dann „fällt“ Waltrop in Datteln ein, Christian hat ein „Muss-Trauma“ verarbeitet, das jeder kennt. Zwei Kilometer lang ist der Weg zur nächsten Toilette, das Publikum leidet mit und freut sich über die Punktlandung des Textes und auf dem Klo.

 

Atemlos still wird es bei dem Auftritt von Felicitas und ihrem Beitrag „Atem“. Sie bietet Slammerkunst auf hohem Niveau, auswendig vorgetragen, ihre Stimme tanzt den Text, laut, leise, schneller, langsamer, betont. Viel Applaus und 50 Punkte gibt es für sie. Der zweite Durchlauf zeigt die Vielseitigkeit der Wortakrobaten, die keine Hilfsmittel nutzen dürfen. Die Zuhörer lassen sich erneut in den Bann ziehen und nach einem fairen Kampf gibt es zwei Finalistinnen: Frauenpower ist mit Felicitas und Kristina angesagt. Marcel und Christian fiebern im Endspurt mit.

 

Felicitas Friedrich aus Bielefeld ist die strahlende Siegerin des Herbst-Poetry-Slams im Bücherwurm. Gastgeber Wolfgang Tänzer (li.), Moderator Christofer Rott (re.) freuen sich mit den weiteren Slammern Kristina Sommer, Christian Hilgers und Marcel Ifland (li. oben). Foto Bialas

 


Die beiden Slammerinnen schenken sich nichts. Christofer Rott wird es nicht leicht gemacht, die Siegerin zu bestimmen. Jetzt entscheiden keine Jury-Punkte mehr, es ist der Applaus aller, der bestimmt. Der ist jedoch nicht zu unterscheiden, so lässt Rott das Publikum für seine jeweilige Favoritin aufstehen. Hier wird es offensichtlich, Felicitas hat den „Goldenen Bücherwurm“ verdient. Das Publikum ist geflasht, viele kaufen sich gleich eine Karte für den Frühlings-Poetry-Slam am 26. April 2024. Wer auch dabei sein möchte, weitere Karten gibt es für zehn Euro im Bücherwurm.

 

 

Spannender Kampf um den „Goldenen Bücherwurm“

Björn Rosenbaum gewinnt den Poetry Slam

 

Martina Bialas Freie Mitarbeiterin , Dattelner Morgenpost , 09.05.2023

 

Knapp 80 Gäste lassen sich im Bücherwurm auf den ersten Poetry Slam dieses Jahres ein und werden nicht enttäuscht: Ein amüsanter Abend nimmt seinen Lauf.

 

„Das läuft doch prima“, sagt Zuschauerin Anneliese Rott in der zweiten Sitzreihe, und sie muss es wissen. Bislang hat sie keinen Dattelner Poetry Slam ihres Sohnes Christofer verpasst. Der gibt erst einmal eine Einführung für alle neuen Gäste: Verteilung der Sieben-Punkte-Tafeln an die Publikumsjury, Applausordnung, Vorstellung der Slammer und schon geht es los.

 

„Einfach Ely“ gibt den Eisbrecher, sie erklimmt die kleine Palettenbühne, greift zum Mikro, Stille macht sich breit. Die junge Frau hat ein sozialkritisches Thema gewählt, das sie in den vorgegebenen sechs Minuten gelungen vorträgt: Armut in Deutschland, von der 13 Millionen Deutsche betroffen sind. „Einfach Ely“ sieht sich auch als eine von ihnen an und verzweifelt an manchen Fragestellungen ihrer Mitmenschen. Darf sie als Arme tätowiert sein und ein Auto besitzen? 39 Punkte und viel Applaus erhält sie für ihre Gedanken.

 

 

Zum zweiten Mal in der Kanalstadt

Björn Rosenbaum ist zum zweiten Mal in der Kanalstadt, in petto das Thema schlechthin: Corona. Er erzählt über den ersten Countdown und seine Empfindungen, die so skurril und absurd sind, dass die ersten Lachraketen im Publikum steigen. 41 Punkte sind die Belohnung.

 

Mella aus Bochum folgt und provoziert: „Das Dattelner Publikum besteht nicht aus gewohnten Studenten, zu viele graue Köpfe. Arbeitet noch jemand von Ihnen?“ Weil ihr Text herrlich amüsant ist, nimmt ihr diesen Affront niemand übel, schnell stellt man fest, Fettnäpfchen gehören in Mellas Leben. Ihr Text über Rinderrouladen, Staubsauger, Sex und Religion macht einfach nur gute Laune.

Sie kommt weiter, wie auch Jens aus Bochum, der nach einem ersten Blödeltext in der zweiten Runde die Unterschiede über wahre Väter und reine Erzeuger für sich ausmacht.

Foto: Jörg Rosenbaum (l.) gewinnt zum zweiten Mal den „Goldenen Bücherwurm“. Für einen spannenden Wettkampf sorgten seine verbalen Mitstreiter Kim Catrin, Mella, Jens Pruß und „Einfach Ely“. Moderator Christofer Rott (vorne links) und Gastgeber Wolfgang Tänzer freuten sich über den gelungenen Abend. © Martina Bialas


 

Auch Kim Cathrin erobert in Sekundenschnelle ihr Publikum und landet gleich im Finale. Mella nutzt ihre zweite Chance, um über Käsekuchen und Scheitern zu reden. „Einfach Ely“ bleibt weiter ernst, Björn Rosenbaum setzt in Sachen Humor noch einen drauf, er berichtet über seinen ersten Schultag. Das Publikum leidet innerhalb kürzester Zeit an Schnappatmung und ist sich schnell sicher, dieser Poet gehört auch ins Finale.

 

Mann gegen Frau im Finale

 Mann gegen Frau heißt es dann, beide machen es den Zuhörern mit ihren Schlusstexten nicht leicht, aber der Applaus beweist eindeutig, der „Goldene Bücherwurm“ gehört Rosenbaum. Den kleinen Preis trägt Buchhändler Wolfgang Tänzer herein und überreicht ihn feierlich an seinen Gast. Und schon ist er vorbei, der erste Poetry Slam dieses Jahres.

 

Das Publikum mag sich nicht so schnell lösen, aber die Möglichkeit gleich Karten für den Nachfolge-Poetry-Slam im November zu erwerben, macht es leichter. Wer auch am 17. November dabei sein möchte, Karten gibt es ab sofort für 10 Euro im Bücherwurm.

 

 

Emil Bosse schnappt sich Goldenen Bücherwurm

 

DATTELN. 130 Zuhörer lauschten gespannt den Worten der Teilnehmer beim neunten Poetry-Slam im Bücherwurm.

 

Von Martina Bialas, Dattelner Morgenpost, 19. März 2019

 

Auch der neunte Poetry-Slam im Bücherwurm fand sein Publikum, ausverkauft hieß es schon Wochen vorher. 130 Zuhörer wollten die acht Slammer und ihre Texte hören und wählten zum Schluß ihren Favoriten: Emil Bosse.

 

Lange vor dem Einzug der Slammer in den Bücherwurm nehmen die Zuhörer ihre Plätze ein. Gastgeber Wolfgang Tänzer und Moderator Christofer Rott freuen sich, denn auch im dritten Jahr läuft der Poetry-Slam rund. Kurze Abfrage Rotts nach Neulingen in der Schlacht der Worte und er staunt: Ein Drittel des Publikums ist zum ersten Mal dabei und wird wie die weiteren Mithörer nicht enttäuscht. Schnell haben die Slammer ihre Reihenfolge ausgelost und starten nach der obligatorischen Verbal-Einlage von Rott. Marie Gdaniec aus Düsseldorf stellt sich auf die kleine Palettenbühne und beeindruckt mit ihren Gedanken. Sie möchte nicht stundenlang vor Schuhregalen stehen und überlegen, welche passen könnten. Sie geht einfach barfuß und bleibt sich selber treu. Sie erhält 44 Punkte, ein Erfolg.

 

Eberhard Kleinschmidt aus Braunschweig ist zum zweiten Mal dabei. Der pensionierte Professor sinniert über das rastlose Leben und die Angst, etwas zu verpassen. Er würde sich gerne von der Zeit trennen und sich in Augenblicken verlieren. Tuna Tourette spricht über seine Nachbarschaftsbegegnungen im Hausflur. Dazu gehört auch die mit einem Nazi, dem er den rechten Weg zeigen möchte. Er lädt ihn in sein Zuhause ein und ein Wortspiel der besonderen Art beginnt, das Zwischenapplaus erntet. Vivien Mügge spielt im ernsten Fach mit. Sie startet mit ihrem Text gleich ins Finale durch. Ihr „Jedes Mal zuviel“ berührt und bewegt und gibt die Situation einer Frau wieder, die sich so kleiden möchte, wie es ihr gefällt, ohne dass sich jemand an ihr vergreift. Andi Substanz hinterlässt einen bleibenden Satz: „Unterschiedliche Gesichtspunkte sind auch nur Sommersprossen.“ Seine Ansichten und Fragen zum Sinn des Lebens machen deutlich, dass die wahren Werte hintenanstehen. Michael Schumacher tritt zum zweiten Mal in Datteln an und beschreibt in einem Szenario, wie ein Bügerkrieg in Deutschland „richtig Spaß machen könnte“. Das Publikum hat Spaß und vergibt 41 Punkte. Lena Meckenstock spricht in ihren vorgegebenen sechs Minuten über das Timing im Leben und ihre Magersucht, die eine ganz eigene Zeitrechnung bei ihr auslöste. Emil Bosse tritt als letzter Slammer an und erhält für seinen Matilda-Text, der von der Unterschiedlichkeit der Menschen erzählt, 49 Punkte. „Jeder hat das Recht auf sein eigenes Geschlecht.“

 

Mit ihm ziehen Vivien Mügge und Andi Substanz ins Finale ein. Die drei Slammer geben noch einmal alles, kämpfen sich Wort für Wort in die Köpfe der Zuhörer. Sie begeistern mit ihren Verbal-Attacken, laden zum Lachen oder Nachdenken ein, ernten Zwischen- und Schlussapplaus.

Aber es kann nur einen Gewinner geben und der heißt nach diesem bewegenden Abend. Emil Bosse. Der Mann mit der schwarzen Strickmütze blickt lachend auf seinen Preis, den „Goldenen Bücherwurm“ und genießt den besonderen Moment. Der erste Poetry-Slam in diesem Jahr hinterlässt viel Kopfkino, im Juli geht es weiter.