Haus Vogelsang und Haus Vogelsang GmbH

In Datteln-Ahsen gehen ein uralter Adelssitz und ein junges Unternehmen eine nachhaltige Verbindung ein.

 

Die Entwicklung der letzten Monate lässt Teile dieses Berichts veraltet erscheinen. Die Haus Vogelsang Gmbh hat den Standort Datteln-Ahsen zum 31.12.2018 aufgegeben. Das Unternehmen hatte bereits im Laufe der vergangenen Jahre Mitarbeiter aus unterschiedlichen Fachbereichen von Datteln an andere Standorte versetzt, in größerer Anzahl dann seit Anfang 2017.

Die Firmenleitung teilt mit, dass ausschlaggebend für die Aufgabe des Standortes Datteln-Ahsen die Entfernung von den Wohnungsbeständen von VIVAWEST war, insbesondere im Raum Dortmund, Lünen, Hamm. Die Tourenplanung für die Mitarbeiter war nicht mehr effizient zu gestalten. Zudem waren in den letzten Jahren die von HVG forst- und landwirtschaftlich betreuten Flächen im nördlichen Ruhrgebiet deutlich rückläufig. Zuletzt war der Standort Datteln-Ahsen für die dort verbliebenen HVG-Mitarbeiter schlicht überdimensioniert.

Die zuletzt noch in Ahsen eingesetzten 27 Mitarbeiter aus den Bereichen Freiflächen- und Baumservice starten nun überwiegend von Lünen-Brambauer aus in die VIVAWEST-Quartiere. Im Mai 2019 eröffnet VIVAWEST dort einen neuen Standort, der neben der HVG auch den rund 50 Mitarbeitern des Stützpunktes Lünen/Dortmund der RHZ Handwerks-Zentrum GmbH als Anlaufstelle dienen wird.

 

In der Lippe-Aue, dort wo der Klosterner Mühlenbach in die Lippe fließt, erhebt sich der barocke Vorbau des Herrenhauses Vogelsang. Das schlichte zweigeschossige Gebäude mit quadratischem Eckturm und geschweifter Haube wurde zwischen 1750 und 1752 erbaut von Jobst Edmund III. von Brabeck. Jobst Edmund war Hildesheimer Domscholastiker und hatte den alten Adelssitz 1724 für 80.000 Reichstaler vom Freiherrn Ferdinand von Plettenberg gekauft.

 

Sicherlich verdankt die Anlage, die 1374 erstmals urkundlich erwähnt worden ist, ihre Entstehung der nahe vorbei fließenden Lippe: zum einen bildete der Fluss die Grenze zwischen den beiden Bistümern Köln und Münster, zum anderen war er jahrhundertelang ein wichtiger Transportweg. So diente die wehrhafte Anlage des Mittelalters den Kölner Erzbischöfen als Grenzbefestigung, die Herren von Sobbe hatten den Auftrag, den Lippeübergang militärisch zu sichern. Die Gräften, die heute noch zwischen Herrenhaus und Lippe erhalten sind, stammen aus der damaligen Epoche; sie umschlossen einen auf einer künstlichen, 22 m² großen Insel liegenden wehrhaften Wohnturm.

 

In der frühen Neuzeit wurde Haus Vogelsang dann Zollstation. Die von Brabeck führten die Anlage im 18. Jahrhundert als landwirtschaftlichen Großbetrieb, zusätzlich besaß Haus Vogelsang die Zoll- und Fischereirechte auf der Lippe sowie eine Fährbefugnis und Jagdrechte. 1783 erwarben die von Brabeck auch das weniger als drei Kilometer entfernt liegende Haus Rauschenburg – ebenfalls Zollstation – vom Hildesheimer Domkapitel. Erst als die Lippe 1815 durchgängig preußisch geworden war, brachen diese Zolleinnahmen weg.

 

Die letzte Adelsfamilie auf Haus Vogelsang, die Familie von Twickel, verdankte diesen Besitz einem Erbvertrag des Jobst Edmund von Brabeck aus dem Jahre 1723, der sich in dem Fall, dass die Brabecks keinen männlichen Nachkommen mehr hätten, als Erben den Freiherrn von Twickel wünschte. 1817 trat dieser Fall ein, nach kurzem Rechtsstreit übernahm Clemens August von Twickel 1823 Haus Vogelsang, 1989 verkaufte sein Nachkomme Clemens Freiherr von Twickel das Gut an die Ruhrkohle AG.

 

 

Heute gruppieren sich gleich neben dem Haupthaus einige liebevoll restaurierte und behutsam modernisierte Betriebs- und Bürogebäude der Haus Vogelsang GmbH zu einem hübschen Ensemble; mit dem dazugehörigen Land umfasst das Gut etwa 900 Hektar. Bei der Übernahme bot das Herrenhaus vier Mietparteien Wohnungen, nun befinden sich dort die Büroräume der Landschaftsagentur Plus und der Haus Vogelsang Stiftung. Die heutige Werkstatt war unter Freiherr von Twickel je nach Bedarf Rinderstall, Getreidelager und Strohscheune. Aus dem ehemaligen Kornspeicher wurde ein Versammlungs- und Schulungsraum. Der Schweinestall, mitten auf dem Hof, wurde bis 2002 betrieben und hat einmal bis zu 2000 Tiere aufgenommen, heute nutzt die HVG das Gebäude als Lagerhalle und Maschinenremise. Zu den erneuerten Gebäuden zählt auch die alte, unter Denkmalschutz stehende Ölmühle, die ihren Betrieb bereits 1924 eingestellt hatte. Bei der Restaurierung wurde das defekte Wasserrad nicht vergessen. Heute dient das schmucke Bauwerk als Besprechungsraum. Und im so genannten „Gebäude Nord“ befanden sich ursprünglich ein Stall und zwei Mietwohnungen. Hier lebten die Verwalter des Hofes. Im unteren Teil finden sich nun die Umkleideräume und Duschen für die Mitarbeiter, der obere Teil des Gebäudes wird für Büros und Seminarräume genutzt.

 

Die HVG zählt zur Vivawest-Dienstleistungen-Gruppe mit Hauptsitz in Gelsenkirchen. An fünf Standorten in NRW, mit weit über 380 Mitarbeitern und zuletzt 40 Mio. Euro Jahresumsatz ist das Unternehmen über die Grenzen von NRW hinaus einer der führenden Grünflächenmanager. Freiflächenpflege und Verkehrssicherung gehören ebenso zum Leistungsportfolio wie die Erarbeitung nachhaltiger Funktionskonzepte im Immobilienumfeld der Wohnungswirtschaft und der Industrie.

Gegründet wurde die HVG Grünflächenmanagement GmbH im Jahr 1989, damals mit dem Ziel, die land- und forstwirtschaftlichen Liegenschaften der RAG Aktiengesellschaft professionell zu bewirtschaften. In den 1990er Jahren verlagerte sich der Schwerpunkt der Tätigkeiten dann zunehmend auf die Betreuung der wohnungswirtschaftlichen Liegenschaften der RAG Immobilien GmbH, die später in der Vivawest Wohnen aufgegangen ist. In den Folgejahren gewann HVG immer mehr Kunden aus den Bereichen Wohnungswirtschaft und Industrie für sein umfassendes Grünflächenmanagement.

Zum Kerngeschäft der HVG gehören seit über 20 Jahren die Bewirtschaftung und die Verkehrssicherung wohnungswirtschaftlicher sowie gewerblicher und industrieller Liegenschaften sowie die Entwicklung nachhaltiger Funktionskonzepte im Immobilienumfeld. Heute betreut HVG rd. 325.000 Wohnungen, erbringt für 2,9 Mio. m² Industriefläche sowie 11,5 Mio. m² wohnungswirtschaftliche Fläche das Grün- und Freiflächenmanagement und kontrolliert regelmäßig und zuverlässig für rd. 360.000 Bäume, 21 Mio. m² Freifläche und 1.700 Spielplätze die Verkehrssicherung. Neben dem Unternehmenssitz in Gelsenkirchen verfügt die HVG über Standorte in Datteln-Ahsen, Moers, Leichlingen und Alsdorf.

 

Im Frühjahr 2017 hatte die Landschaftsagentur Plus, ein Gemeinschaftsunternehmen der RAG Montan Immobilien GmbH und der HVG Grünflächenmanagement GmbH, mit Sitz in Datteln-Ahsen, die Idee, ein Storchennest auf das Dach eines Gebäudes am Haus Vogelsang zu montieren und somit ein weiteres Storchenpaar anzulocken. Das neue Nest wurde in dem Jahr zwar noch nicht angenommen, dafür brütete ein Pärchen auf dem Eichenstamm auf der Rinderwiese am Lippebogen – mit dreifachem Erfolg.