Goldberg am Tigg
Erinnerungen an vertriebene jüdische Familie aus Datteln
Luisa Tiemann Volontärin , Dattelner Morgenpost , 04.11.2025
Die Goldbergs galten als angesehene Kaufmannsfamilie in Datteln. Ihr tragisches Schicksal während der Judenverfolgung ist bis heute präsent.
Theodor Beckmann - hier vor dem Haus Tigg 9, in dem die Familie Hecht wohnte und ein Kaufhaus betrieb - erinnert sich noch gut an die Geschichten seiner Mutter. Diese spielte damals mit Charlotte Goldberg am Tigg. Noch heute hat der Dattelner Kontakt zu ihrem Sohn in den USA, Alan Hoffstadter. © Luisa Tiemann
Die jüdische Familie Goldberg hatte in Datteln am Tigg ihr großes Kaufhaus. Unweit davon wuchs Elisabeth Pohlschröder im Dattelner Hof auf. Ihr Sohn, Theodor Beckmann, Vorsitzender des Heimatvereins, erinnert sich noch gut an die Geschichten seiner Mutter.
Als Kinder zusammen gespielt
„Nachbarn kennen sich untereinander“, sagt Theodor Beckmann. Seine Mutter sei damals schräg gegenüber der jüdischen Familie von Charlotte Goldberg aufgewachsen. Sie kannten sich und hätten miteinander gespielt, erzählt Beckmann.
Pogromnacht 1938
Doch dann kamen die Novemberpogrome: Am 9. November 1938 rief NS-Propagandaminister Joseph Goebbels in einer Hetzrede zum organisierten Gewaltausbruch gegen die jüdische Bevölkerung auf. Da waren Charlotte Goldberg 19 Jahre und Beckmanns Mutter 15 Jahre alt.
(Doch Charlotte hatte zu diesem Zeitpunkt längst Datteln verlassen in Richtung USA zu ihrem Onkel Leo.)
In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 organisierten die Nationalsozialisten im gesamten Deutschen Reich gewaltsame Übergriffe auf Jüdinnen und Juden. Synagogen wurden in Branbd gesetzt, jüdische Geschäfte, Wohnungen und Friedhöfe zerstört, Tausende Menschen misshandelt oder ermordet und rund 30.000 jüdische Männer in Konzentrationslager verschleppt. Die Pogrome markierten den Übergang von Diskriminierung zu systematischer Verfolgung und Gewalt.
Theodor Beckmann, Vorsitzender des Heimatvereins Dattelns, spricht über die Stolpersteine. © Luisa Tiemann
Die Nähe seiner Mutter zu Charlotte Goldberg holte das Geschehen auch für Theodor Beckmann auf eine fast greifbare Ebene: „Das hätten meine Großeltern sein können, nur dass sie statt in die Synagoge in die Amanduskirche oder Lutherkirche gegangen sind.“
Die Familie Goildberg, das waren die Eltern Emma und David Goldberg, sowie die drei Kinder Berta, Hans und Charlotte. Heute erinnern noch sechs Stolpersteine an der Carl-Gastreich-Straße Fünf in Datteln an die Familie Goldberg. Fünf überlebten, Hedwig wurde ermordet.
Charlotte Goldberg
Charlotte war die jüngste Tochter der Familie Goldberg, die ein Textil-Kaufhaus am Tigg führte. „Das größte in Datteln“, erzählt Theodor Beckmann. Die Goldbergs galten als eine der wohlhabendsten zu jener Zeit in der Kanalstadt, ergänzt er.
Der Stolperstein von Charlotte Goldberg liegt in Datteln vor dem Wohnhaus der Familie Goldberg. Sie überlebte den Nationalsozialismus. © Luisa Tiemann
1919 geboren, verlor Charlotte mit 14 Jahren ihre Mutter Emma, die sich im Alter von 53 Jahren durch einen Fenstersturz das Leben nahm. Sie wurde in Datteln auf dem jüdischen Friedhof begraben.
Fünf Jahre später, 1938, begann mit den Novemberpogromen dann die gezielte Verfolgung der Jüdinnen und Juden in Deutschland – doch bereits 1934, im Alter von 15 Jahren, wurde ihr Leben aus der Bahn gerissen, als sie in die USA fliehen konnte, wie Franz-Josef Wittstamm recherchierte, der seit Jahren zur Geschichte der jüdischen Menschen im Vest forscht.
Die Stolpersteine der Familie Goldberg liegen an der Carl-Gastreich-Straße 5 in Datteln. © Luisa Tiemann
Zweite Ehe mit Hedwig Goldberg
Nach dem Suizid seiner ersten Frau 1933 heiratete der Familienvater erneut. Seine zweite Frau hieß Hedwig Goldberg. 1939 soll Goldberg das Geschäft am Tigg verkauft haben und in die USA nach Chicago geflohen sein, so Wittstamm.
David Goldberg überlebte dadurch den Nationalsozialismus und starb im Alter von 62 Jahren in den USA. Seine Frau Hedwig hingegen blieb – und wurde 1942 nach Riga deportiert. Zwei Jahre später wurde sie im Alter von 50 Jahren ermordet. Goldberg verlor seine zweite Frau, die mittlerweile erwachsenen Kinder (23, 27 und 31) ihre Stiefmutter.
Hedwig Goldberg wurde 1942 nach Riga deportiert und zwei Jahre später im Alter von 50 Jahren ermordet. Ihr Mann David Goldberg überlebte. © Luisa Tiemann
Die drei Kinder der Goldbergs
Auch die Geschwister Charlotte, Berta und Hans flohen in die USA. Berta heiratete später einen Amerikaner und verstarb 2009 im Alter von 95 Jahren.
Die Stolpersteine von Berta, Hans und Charlotte Goldberg liegen vor dem ehemaligen Wohnhaus in Datteln. © Luisa Tiemann
Ihr Bruder Hans, ein Jahr nach Berta geboren, floh kurz nach seiner Schwester in die USA. Er soll Textilkaufmann wie sein Vater gewesen sein, so der Historiker Franz-Josef Wittstamm. In Chicago eröffnete er jedoch keinen Kaufladen, sondern einen Schönheitssalon, in dem später seine Schwester Berta und sein Vater David als Friseure mithalfen. Hans starb 1966, drei Tage vor seinem 51. Geburtstag in Chicago, heißt es weiter auf der Webseite von Wittstamm.
Auch Charlotte gelang die Flucht in die USA. Sie heiratete dort Joseph Hoffstadter und bekam mit ihm drei Kinder, unter ihnen Alan Hoffstadter, der sich vergangenes Jahr bei einem Besuch von Bürgermeister André Dora in das Goldene Buch der Stadt Datteln eintrug. Charlotte Goldberg starb im Alter von 80 Jahren.
Else Meyer (geb. Goldberg)
Else Meyer war die ältere Schwester von David Goldberg. Mit 24 Jahren bekam sie mit ihrem Ehemann Maximilian Meyer einen Sohn, Erich. Nachdem ihr Mann 1938 starb, zog Else Meyer zurück zu ihrem Bruder David Goldberg nach Datteln. Ihr gelang 1939 gemeinsam mit ihrem Sohn die Flucht aus Nazi-Deutschland. Über England floh sie nach Australien. Beide überlebten.
Der Stolperstein von Else Meyer: Sie ist nach dem Tod ihres Mannes zurück zu ihrem Bruder, David Goldberg, nach Datteln gezogen. © Luisa Tiemann
