Gedenken in Datteln
20 Stolpersteine erinnern an die vertriebenen und ermordeten Juden
von Luisa Tiemann Volontärin , Dattelner Morgenpost , 06.11.2025
Stolpersteine erinnern in Datteln an die Pogromnacht vom 9. November 1938 sowie an die Verfolgung und Ermordung der Juden zur NS-Zeit.
Die Stolpersteine von Louis Löwenberg, Rika Löwenberg, Walter Löwenberg und Heinz Löwenberg liegen auf der Münsterstraße 13 in Datteln. © Luisa Tiemann
Vor 87 Jahren, am 9. November 1938, begann die Pogromnacht, ein staatlich gelenkter Gewaltausbruch gegen die jüdische Bevölkerung. Nur einen Tag später erreichten die Ausschreitungen auch Datteln. Heute erinnern 20 Stolpersteine in der Stadt an die Schicksale der jüdischen Bürgerinnen und Bürger.
Familie Hecht
Seit 2011 liegen drei Gedenksteine am Tigg 9. Hier hatte die Familie Hecht ein Kaufhaus. Salomon, Henriette, Adele Hecht – sie überlebten den Nationalsozialismus nicht. Alle drei wurden deportiert und ermordet.
Am Tigg 9 in Datteln liegen die Stolpersteine von Salomon, Henriette und Adele Hecht. © Luisa Tiemann
Familie Hecht betrieb ein Kaufhaus mit Manufakturwaren und Konfektion, wie Theodor Beckmann und Thomas Mertens in dem Buch „Juden in Datteln“ schreiben. Am, 10. November 1938 zerstörten die Nazis das Geschäft während der Novemberpogrome.
Salomon Hecht und seine Nichten Henriette und Adele übernahmen 1920, nach dem Tod des Vaters der Schwestern, das Geschäft. 1942 deportierten die Nazis Salomon und Henriette, sie nach Stutthoff und ihn nach Riga.
Henriette Hecht war ursprünglich Krankenschwester, arbeitete aber als Kauffrau im Geschäft mit. Sie besuchte in Düsseldorf die höhere Handelsschule, schreibt Franz-Josef Wittstamm, der zum jüdischen Leben im Vest forschte.
Adele Hecht gelang zunächst die Flucht nach Holland, doch sie wurde dort aufgegriffen, verhaftet und in das Durchgangslager Westerbork gebracht. Von hier deportierten die Nazis sie nach Auschwitz. Dort wurde sie im Alter von 46 Jahren ermordet.
Familie Löwenberg
Vier Stolpersteine liegen vor der Münsterstraße 13. Sie erinnern an die Familie Löwenberg. Diese hatte ein Geschäft für Damen-, Herren- und Kinderkonfektion, schreiben Beckmann und Mertens in ihrem Buch.
Auf der Münsterstraße 13 liegen die Stolpersteine von Louis, Rika, Walter und Heinz Löwenberg. © Luisa Tiemann
Louis Löwenberg war der jüngste Bruder von Josefine und Karl. Er arbeitete als Kaufmann und heiratete seine Frau Rika. Zusammen bekamen sie zwei Kinder: Walter und Heinz.
Louis und Rika Löwenberg wurden von den Nationalsozialisten über Gelsenkirchen nach Riga deportiert und schließlich ermordet. Ihre beiden Kinder konnten Deutschland rechtzeitig verlassen, sie flohen in die USA.
Walter Löwenberg habe 1959 in Pittsburgh eine Amerikanerin geheiratet, auch Heinz Löwenberg heiratete in den Vereinigten Staaten, konnte Franz-Josef Wittstamm herausfinden.
Die Stolpersteine von Karl, Jenny, Ruth und Hanna Löwenberg liegen an der Marktstraße 5 in Datteln. © Luisa Tiemann
Die Stolpersteine der Familie von Karl Löwenberg, des Bruders von Louis Löwenberg, liegen an der Marktstraße 5.
Wie Beckmann und Mertens berichten, war Karl Löwenberg Metzger. Er hatte mit seiner Ehefrau Jenny Eichenwald zwei Töchter: Ruth und Hanna. Die Löwenbergs wurden deportiert und ermordet. Die gesamte Familie wurde von den Nazis ausgelöscht.
Der Stolperstein von Josefine Löwenberg liegt an der Marktstraße 13 in Datteln. Das Haus, in dem sie gelebt hatte, wurde schon vor etwa 40 Jahren abgerissen. © Luisa Tiemann
Die Schwester von Karl und Louis war Josefine Löwenberg, auch sie hat den Nationalsozialismus nicht überlebt. Sie wohnte damals an der Marktstraße 13. Das Haus gibt es nicht mehr, es wurde vor etwa 40 Jahren abgerissen, erzählt Theodor Beckmann. Heute liegt dort ein Stolperstein, der an das Leben von Josefine Löwenberg erinnert.
Das Haus an der Marktstraße 13 gibt es nicht mehr. Es ist abgerissen worden. Dort lebte Josefine Löwenberg, bis sie deportiert und ermordet wurde.
Leopold und Hanna Rosenbaum
An der Mittelstraße war das Zuhause von Leopold und Hanna Rosenbaum, bis beide nach Riga deportiert wurden. Dort mussten sie in einer Fabrik Zwangsarbeit leisten, bevor sie im Wald von Bikernieki erschossen wurden.
Der Heimatvorsitzende Theodor Beckmann hat diesen Ort viele Jahre später einmal besucht. „Es war ein beklemmendes Gefühl“, beschreibt er die Atmosphäre im Gespräch mit der Redaktion. Die Rosenbaums seien damals eine hoch angesehene Familie in Datteln gewesen, Geschäftsleute, die als Kaufleute und Fleischer für die Nahversorgung der Menschen in Datteln einen großen Beitrag geleistet hätten, so Beckmann.
Stolperstein verschwunden
Die Stolpersteine, die auf das Schicksal der Eheleute Rosenbaum hinweisen, fehlen aktuell übrigens, wie Recherchen dieser Redaktion ergeben haben. Grund sind Bauarbeiten auf dem Grundstück. Dort entsteht ein Neubau.
Eine Nachfrage beim Architekten Gerd Huthwelker ergab, dass dieser nichts von den Stolpersteinen gewusst hätte. Der Gedenkstein von Hanna Rosenberg konnte noch aus einem Container gerettet werden, der von Leopold Rosenbaum muss ersetzt werden.
Familie Goldberg und Meyer
Die sechs Stolpersteine an der Carl-Gastreich-Straße 5 in Datteln erinnern an die Familie Goldberg. Fünf von ihnen gelang die Flucht: Hedwig Goldberg wurde ermordet.
Die Stolpersteine von Else Meyer, Hedwig und David Goldberg liegen auf der Carl-Gastreich-Straße 5 in Datteln. © Luisa Tiemann
Die Goldbergs waren als Kaufleute in Datteln bekannt. Sie betrieben das einzige und größte Textilgeschäft in Datteln, erinnert sich Theodor Beckmann. David Goldberg hatte drei Kinder: Berta, Hans und Charlotte. Nach dem Suizid seiner ersten Frau und Mutter der Kinder heiratete der Familienvater Hedwig Goldberg. Die Nationalsozialisten deportierten sie 1942 nach Riga. Zwei Jahre später wurde sie ermordet.
Die Kinder von David Goldberg sind Hans, Charlotte und Berta Goldberg. © Luisa Tiemann
Alle anderen aus der Familie haben überlebt. Auch Else Meyer, geborene Goldberg. Sie war die Schwester von David und kehrte nach dem Tod ihres Mannes zu ihrem Bruder nach Datteln zurück, schreibt Wittstamm. Sie hat die Verfolgung und Ermordung der Juden in Deutschland und Europa überlebt, weil sie nach Australien fliehen konnte.
